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Motorrad im Autozug

Unsere Motorradstiefel stehen unter den Sitzen, das Proviantpaket ist ausgepackt, der Korkenzieher am umfangreichen Schweizer Messer kommt zum Einsatz Bildund beste Laune breitet sich bei uns aus.  Der Urlaub im Zug fängt für uns schon positiv an. Anstatt in voller Montur mit zwei Motorrädern und Gepäck über endlose Autobahnen durch Europa auf der Autobahn zu düsen, reisen wir entspannt mit, aber nicht auf unseren Bikes. Die parken friedlich und gut verzurrt im Transportwagen des Autozuges hinter den Abteilwagen mit Dauertempo 120 km/h.

Autozüge fahren meist über Nacht. Ein Normalzug würde für die jeweilige Distanz wohl nur die halbe Zeit brauchen, aber auf Geschwindigkeit kommt es bei den Autozügen nicht an. Bewusst erst am nächsten Morgen soll das Urlaubsziel erreicht sein um Zeit zum entspannten Schlaf zu bieten. So stehen die Transportzüge nachtsBild auf Nebengleisen und nur vorbeifahrende Personen- oder Güterzüge stören den leichteren Schlaf. Dafür entschädigt aber der Stillstand des Waggons. Leider kommt es dabei auch immer wieder zu Aufbrüchen bei PKW und Diebstählen. So haben wir die abnehmbaren BMW-Koffer und das Top-Case bei uns im Abteil. Unter anderem ist das auch der Grund, dass wir auf bisher jeder Fahrt für uns ein Abteil zur Alleinbenutzung buchen, egal, ob im Schlaf- oder Liegewagen. So verfügen wir immer über zwei Fensterplätze und zwei Unterbetten. Die Oberen sind eine willkommende Ablage für das Gepäck, die Monturen, Helme, Handschuhe, Pullover und unsere sauberen Stiefel. So passiert es uns auf einer Reise nach Südfrankreich und der Buchung eines Schlafwagenabteiles, dass uns die freundliche Zugbegleitung zur Lagerung unseres Gepäcks, ihr Dienstabteil anbietet. Das Schlafwagenabteil bietet zu wenig Platz dafür. So reisen wir heute nur noch gern im geräumigen Liegewagenabteil zur Alleinbenutzung. Duschen können wir am Ankunftstag am Abend im Hotel.

Interessant sind die wechselnden Streckenführungen zum gleichen Zielort, wie zum Beispiel Narbonne im südlichen Frankreich, unserem Lieblingsziel mit dem Autozug. Von Hamburg-Altona bis Basel ist es im Juni hell. Dann geht es bei Dunkelheit bis zum nördlichen Rhonetal. Das kleine Frühstück am Morgen spendiert die Bahn und der heiße Kaffee tut gut! Am Vormittag geht es dann entlang der Etangs an der Mittelmeerküste via Sète (Annegret liebt diese überschaubare Hafenstadt mit viel südfranzösischem Flair) nach Narbonne ins Katharerland am östlichen Nordhang der Pyrenäen oder nach Portugal, Andalusien und Marokko. Die eindrucksvolle nördliche Küstenlinie  der Biscaya von Asturias und Galizien voraus.

BildSchnurgerade Autobahnen sind öde, kosten uns doppelten Treibstoff  für unsere Maschinen, Reifenprofil Übernachtungskosten und vielerorts auch Autobahngebühren. Das lange Sitzen ist zwar bequem auf unseren Tourern und wir sitzen allein auf der Maschine, aber auf dem Weg in die Urlaubsregion muss man sich meistens auch noch ein- oder zweimal ein Nachtquartier suchen, oft zu happigen Preisen. Bei knapp 1.600 km pro Strecke würde uns die An- und Abreise eine knappe Woche kosten und sich bei drei Urlaubswochen kaum Bildlohnen. Von der Gepäckrödelei und eventuell weiteren Unannehmlichkeiten ganz abgesehen.

Wer seine Ressourcen für den eigentlichen Urlaub sparen möchte, entscheidet sich für ein Verkehrsmittel, das Autobahn, Raststätte und Nachtquartier in sich vereint. Die Preise sind recht unterschiedlich, je nach Strecke und vor allem nach der Art der Unterbringung im Liege- oder Schlafwagen. Motorräder stehen in den Autotransportwagen immer auf der unteren Ebene. Über besondere Rampen - daher die geringe Zahl der Terminals - fährt man in die Waggons hinein. Einfahren muss jeder Biker selbst. Angelascht werden die Stahlrösser von Bahnarbeitern. Bevor die Haken eingeklinkt werden, bekommen die Motorräder Textilschlaufen verpasst. In Hamburg-Altona, Narbonne und Lörrach passiert es uns immer, dass man uns, den Fahrern, den Behälter mit Schlaufen vor die Nase stellt Bildund Eigeninitiative erwartet, ähnlich einigen Fährreedereien, bei denen das faule Verladepersonal uns Bikern provokant die Zurrgurte vor die Füße legt und mit den Schultern zuckt. Wie soll denn eine Landratte wissen, wie man ein Motorrad seemännisch verzurrt gegen eventuell schlechtes Wetter und schwere See?

Beim Einfahren in den Transportwaggon sollte man übrigens den Kopf deutlich in Richtung Tank beugen, denn für Motorradfahrer wurden diese niedrigen Waggons nie gebaut. Auch besser mit Helm, sonst ist die Reise schon am Abfahrtsort beendet. Unsere Helme weisen nach diversen Autozugfahrten schon so einige Kratzer im oberen Bereich auf!

In den 70er-Jahren transportierte die Bahn damit VW-Käfer und andere Autos vom Werk in die Provinz.Bild Damals waren die meisten Autos kleiner als heute. Heute werden Neuwagen vorwiegend per Lkw zum Händler gebracht, daher suchte die Bahn für ihre Autotransportwagen einen neuen Verwendungszweck. Motorradfahrer machen inzwischen ein Drittel der Autozug-Reisenden aus. Während für Autos Größenbeschränkungen gelten, ist für Zweiräder fast alles möglich. Auch Gespanne oder Trikes sind erlaubt. Seitenkoffer, Tankrucksäcke und anderes Gepäck können am Motorrad bleiben, sofern sie fest verbunden sind. Die Passagiere reisen im Liegewagen (vier bis sechs klappbare Betten) oder im Schlafwagen mit ein, zwei oder drei Betten. In den Liegewagen sind die Sanitäranlagen knapp bemessen. Immerhin werden sie auch während der Fahrt gereinigt, schließlich fahren auch Zugbegleiter mit. Nicht immer dabei ist ein Speisewagen, und deshalb schaut niemand schräg, wenn Selbstversorger Proviant mit in den Zug bringen.

Gut gefällt uns das Angebot des Münchener Reiseveranstalters "Optima Tours". Von Frühjahr bis Herbst verkehrt ein Autozug vom österreichischen Villach nach BildEdirne in der nördlichen Türkei und zurück. Die Reisezeit ohne Verspätung beträgt ca. 32 Stunden und es werden dabei knapp 1.500 km zurückgelegt. Durch die mehrfachen Grenzübertritte mit diversen Passkontrollen und Lokomotivwechseln wird es nie langweilig im Zug. Vom ständig sich verändernden Landschaftsbild ganz zu schweigen. Auch die Stadtdurchfahrten von Ljubljana, Zagreb, Belgrad, Sofia und Plovdiv haben ihren Bildeigenen Reiz.

Die Personenwaggons sind Wagen der zweiten Klasse der Bulgarischen Staatsbahn (Balgarski Darschawni Schelesnizi). Hergestellt sind sie in der DDR und wirken gepflegt. Beeindruckt haben uns die perfekte Sauberkeit und die ständige Kontrolle der sanitären Einrichtungen. Jeder Wagen verfügt über 10 Abteile, die zweckmäßig ausgestattet sind. Am Tag bieten die Abteile 6 Sitzplätze und in der Nacht 6 Liegeplätze. Die Fenster in den Abteilen lassen sich öffnen, können auf Wunsch aber auch verriegelt werden. An beiden Enden des Waggons befinden sich die Toiletten mit Handwaschbecken. Auch bei dieser Reise ist es für uns sehr wichtig, über ein eigenes Abteil zu verfügen. Fahrbekleidung, Stiefel, Helme, Handschuhe, Koffer. Tankrucksack und Top-Case, etc finden ihren Platz auf den unbenutzten oberen Liegen.

Meistens fährt ein Speisewagen mit, in dem man kleine Snacks, sowie kalte und warme Getränke erhält. Es ist erlaubt auch eigene Lebensmittel in den Speisewagen mitzunehmen um sie dort zu verzehren. Außerhalb der Essenzeiten dient der Speisewagen auch als Gesellschaftsraum, in dem zu bestimmten Zeiten Filme vorgeführt werden. In den einzelnen Abteilen kann vom Zugbegleiter ein Tisch angebracht werden. Die Abteile sind von innen verschließbar.

BildAn diversen Zughalten und in Bahnhöfen bieten Sinti und Roma, Hausfrauen mit Kindern und Alte Obst, Gebäck und kalte Snacks mit Fleisch, Wurst und Käse an. Natürlich halten wir uns davon fern. Darmprobleme in Fahrmontur auf dem Motorrad bei über 35 °C? Besser nicht.

Die Zufahrt zu den Waggons erfolgt je nach Fahrzeugtyp und Verladeort entweder direkt über die Verladestraße oder eine Rampe. In Villach stehen für uns die Transportwaggons ungarischer Bauart bereit. Die Besonderheit dieser Wagen ist das absenkbare Stahldach. Nachdem alle Fahrzeuge ihre Verladeposition eingenommen haben, werden sie an den Reifen verkeilt. Damit wird ein Verrutschen nach vorne oder hinten verhindert. Unsere Motorräder werden mit entsprechenden Sicherheitsgurten verzurrt und damit gegen ein Umkippen gesichert. Nachdem dann das Stahldach abgesenkt ist, ist es während der Fahrt nicht mehr möglich, zu den Fahrzeugen zu gelangen. Das ist perfekt. Mit von der Partie sind viele türkische Familien mit großen Limousinen, vollgepackt bis obenBild hin mit Geschenken und Mitbringseln elektronischer und elektrischer Art. Angeblich kann niemand an die PKW heran. Bei Standzeiten passt das mitgeführte Wachpersonal auf. So kann man die Reise unbeschwert genießen.

Vor der Auffahrt in den Transportwaggon versorgt man uns rasch mit zwei wichtigen Hinweisen:

1. Mit dem Motorrad in keinem Fall in der Mitte des Waggons durch den noch leeren Zug fahren, sondern nur in den Fahrspuren der Pkw links oder rechts. Mittig, immer zwischen den Puffern können wir beim Durchfahren des langen Zuges unter uns das Gleis und den Schotter sehen. Also immer schön am Rand lang, sonst ist bereits hier das Ende der Reise! 

2. Außerdem denkt bitte daran, alle Reise- und Fahrzeugdokumente und Bedarfsgegenstände vom Fahrzeug in das Abteil mitzunehmen bevor Sie das Fahrzeug verlassen. Nach Abfahrt ist der Zugriff erst wieder am Reiseziel möglich!

Villach-Edirne würden wir gern wieder befahren. Dann wäre die Heimreise nach Hamburg das Ziel. Vielleicht auf 26 ° östlicher Länge, statt durchs Kosovo oder Albanien, wie beim letzten Mal. Mit einigen Mitreisenden haben wir Kontakt. Schon auf türkischem Gebiet, kurz vor der Ankunft, verrät Volker einem ältern Türken, dass wir nun am Ziel angekommen sind und das Ziel unsere Rückreise nach Hamburg ist. Kopfschüttelnd entgegnet er, dass nun seine eigene Anreise mit Mercedes erst beginnt. Ankunft am Ziel in 3 Tagen in Diyarbakir, südlich des Van-Sees in Ostanatolien. Nahe der Grenze zum Irak. Wir wünschen seiner vielköpfigen Familie eine kurzweilige und gesunde Ankunft in der fernen Heimat.

Das Traurige zum Schluss: Vorraussichtlich ab dem Herbst 2014 werden die internationalen DB-Autozug-Verkehre eingestellt. So nutzen wir narürlich gern die letzte Chance zu einer Mitfahrt von Hamburg-Altona ins südfranzösische Narbonne nahe der spanischen Grenze mit 2 BMW-Motorrädern. Von hier ist Barcelona nur 223 km entfernt.  Auf eigener Achse, wenn man uns lässt, wird das erst wieder nach dem Rentenbescheid möglich sein. Dann haben wir hoffentlich alle Zeit der Welt.

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Stand: 11.12.2016